23.06.2015, KVP Schweiz

Laudato si'

Die christlich-abendländische Kultur auf der Anklagebank

Die KVP ist äusserst beeindruckt von Papst Franziskus' Enzyklika "Laudato si'". Sie dankt ihm herzlich für sein realistisches, tiefgründiges und gleichzeitig visionäre Lehrschreiben.

Der Papst erhebt als Vertreter der Opferkulturen Klage gegen die Täterkulturen, die hauptsächlich sogenannte christliche Kulturen waren und sind. Er fordert eine kulturelle Revolution, um der laufenden Zerstörung der Erde und der Ausbeutung einer armen Mehrheit durch eine wohlhabende Minderheit definitiv und unverzüglich ein Ende zu setzen. Denn die Folgen dieses Ungleichgewichts sind Sinnlosigkeit, sozialer Niedergang, Armut, Migration, Gewalt und Krieg.

Der Papst rehabilitiert Christen, die sich seit Jahrzehnten für die Umwelt engagiert haben, und stellt klar, dass sie in einem Bereich des Glaubens arbeiteten. Die Grundlagen seiner Ausführungen sind bereits bei seinen Vorgängerpäpsten angelegt, in der Praxis aber von einigen engagierten und betenden Christen in teilweise falscher Interpretation des Evangeliums unterdrückt worden. Hier, aber auch gesamtgesellschaftlich, fordert der Papst Reue und Umkehr.

Grundlage seiner wissenschaftlich begründeten Ausführungen ist eine Spiritualität der Ökologie, die er aus der kirchlichen Lehre ausgräbt und ans Tageslicht fördert, der man mit Ehrfurcht gewahr wird, die aber auch zum Handeln auf allen Ebenen auffordert.
 
Von der Aufgabenstellung her ist die Enzyklika ein Jahrhundertwerk. Sie kann und muss fortgeschrieben und vor allem umgesetzt werden – auch kirchenintern. Auch intern gibt es viel zu tun.

Papst Franziskus geht in seiner Enzyklika „Laudato si‘“ auf das Evangelium der Schöpfung ein. „Das Buch der Natur ist eines und unteilbar und schliesst unter anderem die Umwelt, das Leben, die Sexualität die Familie und die sozialen Beziehungen ein.“ (6). Wer bisher in einem dieser Bereiche gearbeitet hat, namentlich die weltweite Ökologiebewegung (166), erhielt den Dank des Papstes (13).

1. Die Hauptverantwortlichen

Ein anderes Verständnis von Wirtschaft und Fortschritt muss her (16), ein neuer Lebensstil (16), eine natürliche Langsamkeit und Entschleunigung (18). Die Ursachen der laufenden Umweltzerstörung liegen nach Ansicht des Papstes hauptsächlich in einer mit dem Finanzwesen verknüpften Technologie (20), bei den Wirtschaftsmächten (36), in den transnationalen Unternehmen (38), aber auch in den Unternehmen überhaupt und in einem weltweiten System, in dem die Spekulation und ein Streben nach finanziellem Ertrag vorherrschen (56). Es gibt zu viel Macht bei wenigen, wie im Nationalsozialismus, dem Kommunismus und anderen totalitären Regimes (104). Das ist gefährlich und umweltschädlich. Das unendliche und grenzenlose Wachstum begeistert zwar die Ökonomen, Finanzexperten und Technologen (106). Dabei ersticken die Finanzen aber die Realwirtschaft (109). Unter deren vermassenden Macht nehmen die Entscheidungsfähigkeit, die ganz authentische Freiheit und der Raum für die eigenständige Kreativität der Einzelnen ab (108). Gefährdet sind namentlich die Kleinproduzenten und deren Arbeitsplätze (112, 129, 134, 189). Diesem „technokratischen Paradigma“ liegt eine Lüge zugrunde (106). Folgen dieser Lüge und der Umweltzerstörung sind Verschlechterung der Lebensqualität, sozialer Niedergang, Gewalt, Migration, gegenseitige Zerstörung, Naturkatastrophen, Todesopfer, Armut und Krieg (25, 29, 43 ff., 57, 61, 198, 204).

Der Gebrauch der nicht erneuerbaren Reserven ist aufs Äusserste zu beschränken, der Konsum zu mässigen (22). Bei der Klimaerwärmung sind zumindest die menschlichen Ursachen zu bekämpfen, ebenso beim Verlust der biologischen Vielfalt (23, 33).

Geistige Umweltverschmutzung ist es „manchmal“, wenn reale Beziehungen zu sehr durch Internet-Kommunikation ersetzt wird (47).

2. Aufruf zur kulturellen Revolution

Die erwähnten Ungerechtigkeiten erzeugen „Wut“ (90). Es gibt eine ökologische Schuld, die nach einer Ethik der internationalen Beziehungen ruft (51). Auf der Anklagebank sitzen die letzten, insbesondere die letzten beiden Jahrhunderte, mit ihren falschen Dialektiken (53, 102, 121, 165, 193). Hier hat die Menschheit die Erwartungen Gottes enttäuscht (61). Gegen die anthropozentrische Masslosigkeit, die „beständige Schizophrenie“ (118), den hemmungslosen Grössenwahn, den praktischen Relativismus, der nur den Eigeninteressen folgt (122), ist Widerstand in „einer mutigen kulturellen Revolution“ zu erheben, damit die natürliche und moralische Struktur des Menschen respektiert wird (114), etwa beim Schutz des vorgeburtlichen Lebens (120, 117), beim Schutz der Arbeit (124), insbesondere vor Rationalisierungen (128) und Grössenvorteilen (Oligopole 134), namentlich im Agrarsektor (128). Abgelehnt wird die Reduzierung der Geburtenrate im Sinne der „Fortpflanzungsgesundheit“ (50). Ebenso darf der Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht ausgelöscht werden (155).

3. Die ganzheitliche Ökologie als Umwelt-, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturökologie sowie als Ökologie des Alltagslebens im Lichte des globalen Gemeinwohls

Es braucht eine ganzheitliche Ökologie (137). Jede Verletzung der bürgerlichen Solidarität und Freundschaft ruft Umweltschäden hervor (142). Die ursprüngliche Identität des Menschen muss bewahrt bleiben (143, 147, 151 [„zu Hause sein“]), ebenso die Rechte der Völker und der Kulturen, ohne den Grundbegriff der Lebensqualität vorzuschreiben (144). Der Planet ist als Heimat zu begreifen, als eine einzige Welt (164) einer Menschheitsfamilie (52).

Der Mensch hat ein Recht auf Leben und auf Glück (43). Das Grundrecht auf Wasser ist aber ein fundamentales allgemeines Menschenrecht und Bedingung für die Ausübung der anderen Menschenrechte, insbesondere des Rechts auf Leben (30), da der Mensch selber Erde ist und nicht Herrscher und Eigentümer der Güter (2). Es gibt keinen Anspruch auf absolutes Eigentum (67, 75, 89), sondern nur die Unterordnung des Privatbesitzes unter die allgemeine Bestimmung der Güter und in diesem Rahmen einen berechtigten Anspruch auf Privateigentum (93). Die Erträge sind zu teilen. „Land darf nicht endgültig verkauft werden“ (64, 71).

Verlangt ist einerseits eine generationenübergreifende Solidarität, aber auch eine erneuerte Solidarität innerhalb einer Generation (159, 162). Die Solidaritäten unterliegen nicht dem utilitaristischen Kriterium der Effizienz und der Produktivität für den individuellen Nutzen (159), nicht dem egoistischen Konsum und Immediatismus, namentlich von Eltern, deren Kinder es deswegen immer schwerer haben, ein eigenes Haus zu erwerben und eine Familie zu gründen (162).

Der Sonntag als Ruhetag gilt für Mensch und Tier (68).

Gefährdet durch die Entwicklung ist die „persönliche Identität“, die eigene Sakralität (81, 85). Innerhalb des Schemas der Rendite ist kein Platz für Gedanken an die Rhythmen der Natur, an ihre Zeiten und an die Kompliziertheit der Ökosysteme (190). Verlangsamung eines gewissen Rhythmus von Produktion und Konsum ist geboten (191, 193), masshalten, den Fortschritt neu definieren (193 f.). Die Verzerrung des Wirtschaftsbegriff und die rechtfertigenden Reden der Machthaber vom nachhaltigen Wachstum sind als perverse Logik und armselige Reden zu durchschauen (194, 197). Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind drei absolut miteinander verbundene Themen, die zusammen, ohne Reduktionismus, behandelt werden müssen (92).

Die Politik muss die Vorherrschaft über die Wirtschaft haben, und es bedarf einer politischen Weltautorität (175, 189). Die Umweltzerstörung bedroht einerseits die Souveränität der Nationalstaaten (175), weil Wirtschaftsgruppen zwar als Wohltäter auftreten, aber dabei unrechtmässig die reale Macht übernehmen (197).

Die Staaten haben andererseits den Umweltschutz durchzusetzen, in einem Projekt der Nation, im Dialog mit der Bevölkerung und notfalls auf deren Druck hin (178 f., 181, 183), nach dem Prinzip der Vorbeugung (186) und der umgekehrten Beweislast (186).

Wer Umweltverschmutzung verursacht, ist in die Pflicht zu nehmen, gegebenenfalls zu bestrafen (167), inklusive die Länder, die ihre nationalen Interessen über das globale Gemeinwohl stellen (169) und unter dem Titel des Umweltschutzes die armen Länder sogar noch schädigen (170). Es bedarf strenger Mechanismen zur Reglementierung, Kontrolle und Sanktionierung (174), insbesondere der spekulativen Finanzaktivität und des fiktiven Reichtums (189).

4. Kultur der Achtsamkeit: ökologische Umkehr im Rahmen einer ökologischen Erziehung und Spiritualität

Um die Ziele zu erreichen, braucht es eine ökologische Erziehung, eine Erziehung zur Umweltverantwortung und eine ökologische Spiritualität. So kann dem Strudel von unnötigen Anschaffungen und Ausgaben und dem zwanghaften Konsumismus, dem kollektiven Egoismus und dem Mangel an Identität, der mit Angst erfahren wird, entgegengetreten werden (203, 211). Tut man das nicht, wird das Herz des Menschen immer leerer (204) im Individualismus mit seinem Menschentypen der Selbstbezogenheit (208). Dieses neue, universale Bewusstsein fehlt zurzeit noch weitgehend, auch bei den Jugendlichen im Kontext eines ausserordentlich hohen Konsums und Wohlstands (209). Es gilt, die Mythen der Moderne (Individualismus, undefinierter Fortschritt, Konkurrenz, Konsumismus, regelloser Markt) zu durchbrechen (210).

Eine ökologische Ethik und tiefgreifende innere, ökologische Umkehr (217) sind verlangt, ein ökologisches Bürgertum, Handlungen der Liebe. Die Liebe im sozialen Leben – auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene – muss neu bewertet und zur beständigen obersten Norm des Handelns erhoben werden in einer „Kultur der Achtsamkeit“ (231), einer gemeinsamen Identität (234, 232 203, 151, 147, 143, 84) und in einer neuen Synthese (121). Das gibt eine grössere Lebenstiefe, eine ganzheitliche Erziehung und eine Kultur des Lebens anstelle einer Kultur des Todes (210–213).

5. Handlungsbedarf innerhalb der Kirche

Auch der Kirche, der Katechese, kommt diese Aufgabe zu (214).

Ihre Mitglieder müssen sich gegenseitig kontrollieren und erziehen (214). „Allein mit Lehren, ohne eine Mystik“, wird das nicht gelingen (216). Es braucht einen prophetischen und kontemplativen Lebensstil, die Überzeugung, dass weniger mehr ist, ein Wachstum mit Mässigkeit (222), Genügsamkeit und Demut im Kontakt mit der Natur und im Gebet. Das erfordert das Glück (223), gibt inneren Frieden, einen ausgeglichenen Lebensstil (225), grössere Lebenstiefe (212) und schützt vor leerem Aktivismus (237). Eine Entwicklung von ökologischen Tugenden ist gefordert (88). Das ist nicht leicht, weil eine krankhafte Ängstlichkeit zu überwinden ist, die uns oberflächlich, aggressiv und zu hemmungslosen Konsumenten werden lässt (224, 226). Als Gegenmittel empfiehlt das Lehrschreiben beispielsweise das Tischgebet (227).

6. Umwelt ist Bestandteil des Glaubens: Evangelium der Schöpfung (62)

Die Pflichten gegenüber der Natur sind Bestandteil des Glaubens (64), und aus dem Glauben fliessen neue Beweggründe und Erfordernisse für die Umkehr (17). Die Verweigerung von sicherem Trinkwasser ist eine soziale Schuld gegenüber den Armen (30). Wenn 20 Prozent der Weltbevölkerung Ressourcen in solchem Mass verbrauchen, dass sie den armen Nationen und den kommenden Generationen das rauben, was diese zum Überleben brauchen, so ist das eine Frage des Gebotes „Du sollst nicht töten.“ (95).

Der Papst schliesst nicht aus, dass „wir Christen die Schriften manchmal falsch interpretiert haben“ (67). „Eigentlich ist es naiv zu meinen, die ethischen Grundsätze könnten völlig abstrakt und aus ihrem gesamten Kontext herausgelöst dargelegt werden.“ (199). „Die Wirklichkeit steht über der Idee“ (110, 210). Einen absoluten Eigentumsbegriff hat die Kirche aber sich nie vertreten. Der Privatbesitz ist dem Gemeinwohl unterzuordnen (93). Die Menschenrechte und die Rechte der Nationen sind zu wahren (93). Wir aber sind im Gedanken aufgewachsen, Eigentümer und Herrscher der Güter zu sein. Das war falsch gewesen (2).

Die Glaubenden müssen in Übereinstimmung mit ihrem Glauben leben und ihm nicht mit ihrem Tun widersprechen. Sie sollen sich wieder der Gnade Gottes öffnen, nachdem sie durch ein falsches Verständnis der eigenen Grundsätze manchmal die schlechte Behandlung der Natur, die despotische Herrschaft des Menschen über die Schöpfung, die Kriege, die Ungerechtigkeit und die Gewalt gerechtfertigt haben und ihrem Glauben damit untreu geworden sind (200). „Wir müssen zugeben, dass wir Christen den Reichtum, den Gott der Kirche geschenkt hat, nicht immer aufgenommen und weiterentwickelt haben – ein Reichtum, in dem die Spiritualität nicht von der Leiblichkeit noch von der Natur oder den Wirklichkeiten dieser Welt getrennt ist, sondern mit und darin gelebt wird, in Gemeinschaft mit allem, was uns umgibt.“ (216). „Die Haltungen, welche – selbst unter den Gläubigen – diese Lösungswege blockieren, reichen von der Leugnung des Problems bis zur Gleichgültigkeit, zur bequemen Resignation oder zum blinden Vertrauen auf die technischen Lösungen.“ (14). „Wir müssen auch zugeben, dass einige engagierte und betende Christen unter dem Vorwand von Realismus und Pragmatismus gewöhnlich die Umweltsorgen bespötteln. Andere sind passiv, entschliessen sich nicht dazu, ihre Gewohnheiten zu ändern und werden inkohärent. Es fehlt ihnen also eine ökologische Umkehr“; denn es liegen Sünden vor, und es braucht Reue (8), die eigenen Fehler, Sünden, Laster oder Nachlässigkeiten einzugestehen und sie von Herzen zu bereuen, um so einen Wandel des Herzens zu erfahren (218), Dankbarkeit und Unentgeltlichkeit Platz zu machen (220). Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein, praktisch umzusetzen, gehört wesentlich zu einem tugendhaften Leben (217). Darauf muss mit “Netzen der Gemeinschaft reagiert werden“. Es wird einer Sammlung der Kräfte und einer Einheit der Leistung bedürfen (219), „auch wenn niemand es sieht oder anerkennt“ (220). Es ist nämlich nicht leicht, eine gesunde Demut und eine zufriedene Genügsamkeit zu entwickeln (224).

7. Auf dem Altar der Spiritualität der globalen Solidarität, Feiertagsruhe

Gott ist nicht nur in der Seele zu entdecken, sondern in allen Dingen. „Jedes dieser grossen Dingen, die genannt werden, ist Gott“ (233 ff.). Weltflucht bringt es nicht, sondern nur das „Ora et labora“ (126). Die angenehmen Dinge im Leben sind nicht der Askese gegenüberzustellen. Solche ungesunden Dualismen haben im Lauf der Geschichte einen bedeutenden Einfluss auf einige christliche Denker ausüben können und das Evangelium entstellt (98). Vielmehr ist eine Haltung der Anbetung im Rahmen von „Ora et labora“ wieder zuzulassen (126 f.).

Die Bestimmung der gesamten Schöpfung geht über das Christusmysterium (99). Wir entfliehen nicht der Welt, noch verleugnen wir die Natur, wenn wir Gott begegnen möchten. Das Christentum verwirft nicht die Materie und die Leiblichkeit, sondern wertet sie im liturgischen Akt sogar vollständig auf. In der Eucharistie findet die Schöpfung ihre grösste Erhöhung. Sie ist ein Akt der kosmischen Liebe, ein Altar der Welt (235 f.). Und so strahlt auch der Sonntag als Tag der Ruhe, dessen Mittelpunkt die Eucharistie ist (237). Daraus entspringt die Spiritualität der globalen Solidarität: aus sich herausgehen, um in Gemeinschaft mit Gott, mit den anderen und mit allen Geschöpfen zu leben (240). Das erfordert Zärtlichkeit, die nicht eine Eigenschaft der Schwachen, sondern der wirklich Starken ist (242).

8. Erste Einschätzung

Die Enzyklika holt ihre wesentlichen Begrifflichkeiten insbesondere aus den Lehrschreiben von Papst Benedikt XVI. (einem grünen Papst) und Johannes-Paul II. und entfaltet sie an der gesellschaftlichen Wirklichkeit, immer wieder referenzierend auch auf „Evangelii gaudium“ und nationale Bischofskonferenzen. Die naturwissenschaftlichen Teile sind wissenschaftlich begründet, naturgemäss aber nicht abgeschlossen. Sie stellen aber eine enge Bindung der moralischen Urteile an die Fakten sicher. Der Papst fordert die Wissenschaften, die ihren heutigen Stand wiedergegeben haben (15), zu weiteren Anstrengungen und Investitionen auf (135). Die Enzyklika ist – weil das Thema der Ausbeutung der dritten und vierten Welt sich wie ein roter Faden durch das ganze Schreiben zieht – eine Klage der Opferkulturen an die Täterkulturen vorwiegend des Westens und damit im Wesentlichen an die Christen. Sie sind einmal mehr verantwortlich für eine globale Katastrophe, wenn sie nicht schleunigst umkehren.

Die „langen frohen und zugleich dramatischen Überlegungen“ (246) des Papstes werden verdeutlicht mit plastischen Beispielen von Umweltschutz im Haushalt, im Quartier, beim Schutz von öffentlichen Anlagen, bei Bausanierungen, Verbraucherbewegungen (206: Das Kaufen ist immer auch eine moralische Handlung.), Lebensmittelverschwendung (50), beim Chaos in den Städten mit ihren Megabauten (113), „immer mehr von Zement, Asphalt, Glas und Metall erdrückt“ (44), mit dem Vorrang der öffentlichen Verkehrsmittel (153), der Wegnahme von Produkten vom Markt (180) und der tiefen und wehmütigen Unzufriedenheit und schädlichen Vereinsamung (47, 114), im stickigem Eingeschlossensein der Immanenz (119), im Dichtestress als Folge mangelnder Beziehungen (148).

Das Lehrschreiben führt schliesslich Glaube und Politik auf eine gemeinsame, erkennbar ignatianische Spiritualität zurück: auf die Welt als ein „Sakrament der Gemeinschaft“ (9). Der konservative, integrierende Theologe Romano Guardini wird ausgiebig zitiert, aber auch der visionäre Jesuit Pierre Teilhard de Chardin. (83). Die Enzyklika weist Papst Franziskus als Reformpapst und Meister der Synthesen aus. Seine Ausführungen sind wirklichkeitsbezogen und gleichzeitig visionär, sprechen Klartext und sind gleichzeitig von hoher spiritueller Kraft. Liberal ist diese Enzyklika sicherlich nicht, jedoch echt konservativ: das Gute bewahrend, mit eindeutigen Handlungsaufträgen, um Neues aufzubauen.

Von der globalen Aufgabenstellung her ist das Lehrschreiben daher ein Jahrhundertwerk.

9. Wo steht die KVP?

Auf dem Hintergrund all dessen, was in „Laudato si‘“ ausgeführt ist, hat sich die KVP gegen Kernkraftwerke ausgesprochen, weil diese Energie    den Konsum nicht drosselt und einen praktisch unentsorgbaren Atommüll produziert (dazu 21, 184). Sie votierte für Mindestlöhne, für die Abzockerinitiative, für die Erbschafssteuerreform (Rückgabe des Eigentums alle 49 Jahre), die Ferieninitiative und die Bemühungen gegen die Denaturierung der Sonntagsruhe (Verlangsamung der Produktionsrhythmen, Entschleunigung, entgegen dem Bistum Chur, das nun allerdings über Generalvikar Martin Grichting plötzliche Umkehr anzudeuten scheint mit einem Tadel an die Politiker: „Der Schutz des Sonntags und der christlichen Feiertage wird pulverisiert.“ „Kirchlicher Religionsunterricht wird durch Religionskunde ersetzt.“ Letzteres hatte das Bistum Chur bislang im Verhältnis von 1:1 ausdrücklich gutgeheissen.).

Die Partei sprach sich gegen die Rettung der Banken auf Kosten der Steuerzahler aus (ebenso 189). Den gegenteiligen Vorlagen in den Abstimmungskampagnen wurde regelmässig das „Erfolgsmodell Schweiz“ entgegengehalten. Dieses Modell steht aber mit „Laudato si‘“ definitiv in der Kritik.

Die Partei votierte für das Verursacherprinzip und damit gegen das Radio- und Fernsehgesetz. Sie lehnte nicht zuletzt aufgrund gesamtheitlicher ökologischer Überlegungen die Präimplantationsdiagnostik ab.

Sie hat sich gegen die Verträge der Schweiz mit der EU gewehrt, im Wesentlichen aus genau den Gründen und Werten, welche in „Laudato si‘“ verteidigt werden. Mittlerweile sind zehntausende Bauernbetriebe in der Schweiz verschwunden um des Profits der Mächtigen willen. Die Schweiz hat kriminelle Strukturen namentlich im Bank- und Finanzwesen aufgebaut, zu denen nun selbst die internationalen Organisationen fordern, dass sie beseitigt werden und den Schuldigen der Prozess gemacht werde.

Gemäss Parteiprogramm spricht sich die KVP gegen eine zweite Gotthardröhre aus, bekämpft Monopole, Armut, Korruption, Geldwäscherei, betont die Wichtigkeit der Ökologie und forderte bereits vor 20 Jahren ein Überdenken des hohen Konsumstandards, der Grenzen des Wachstums, einen vereinfachten Lebensstil und eine ökologische Landwirtschaft.

Die Beispiele mit der erwähnten Abstimmungsvorlagen zeigen gleichzeitig, dass die Mehrheit des Volkes oftmals keinen Druck erzeugen kann, weil sie selbst hinter dem System steht und es mit seinen Taten unterstützt (109); es müsste selbst zuerst den Lebensstil ändern (206). Wer sich dafür einsetzt, handelt in den Augen der Mehrheit gerne mal „kulturwidrig“ (108).

Wie der Papst ökologische Bewegungen als besorgniserregend bezeichnet, wenn sie den Lebensschutz im engen Sinne und das menschliche Leben nicht auch unterstützen (136), wird er wohl von den Lebensrechtsbewegungen erwarten, dass sie sich ebenfalls für den Umweltschutz einsetzen und Zeugnis davon geben. Die KVP hat den selektiven Lebensschutz in konstanter Praxis kritisiert, vor allem wenn er zusätzlich in einem extrem xenophoben Umfeld abläuft. Die vorliegende Enzyklika bestätigt die Partei in ihrer Haltung. Nur eine gesamtheitliche Ökologie ist langfristig glaubwürdig.

10. Offene Fragen und Pendenzen

Mit „Evangelii gaudium“ wollte der Papst „einen immer noch ausstehenden Reformprozess in Gang“ setzen gegenüber den Mitgliedern der Kirche (3). Dieser Prozess hat im Vatikan gewisse Änderungen bewirkt, auf Stufe Bischöfe und darunter indes ist er bislang ohne hör- und sichtbares Echo geblieben. Die Befreiungstheologie ist mittlerweile weitgehend rehabilitiert.

„Laudato si‘“ wird einen noch um ein Vielfaches aufwändigeren Reformprozess für die Global community verlangen, aber auch – um die kirchliche Glaubwürdigkeit zu erhöhen oder gar erst wieder herzustellen – diverse Vertiefungs- und Entschuldungsprozesse bei den Kirchenoberen selbst.

So weist die Enzyklika beispielsweise Lücken auf. Sie sagt kaum etwas zum Zusammenhang von Energiesparen und der daraus möglicherweise folgenden Arbeitslosigkeit. Auch aus der Ablehnung einer Bankenrettung entstehen Arbeitslose. Fragen zum wirtschaftlichen Protektionismus, zu den Massen- und Luxusphänomenen in Sport und Tourismus bleiben ebenfalls unerwähnt. Sind beispielsweise Massenveranstaltungen auf dem Petersplatz in Rom oder die Weltjugendtage nicht Ressourcenverschleiss, dessen Resultate insbesondere dank der weltweiten Kommunikationssysteme mit viel weniger Aufwand zu haben wären? Müssen die sekundären Internetsysteme im katholischen Raum auch am Sonntag betrieben werden? Sollen Kleriker die Sonntagspresse benutzen, um primär das Volk zu provozieren?

Die Enzyklika nennt das Stichwort Spekulation, behandelt, wie schon frühere Enzykliken, das Geldsystem und den Zins aber nicht. Sie rügt die Christen, übergeht indes das Problem der reichen Kirchen, die vielfältig von den angeprangerten Machtstrukturen in der Wirtschaft profitieren und sie ausnützen. Eine „grössere Kohärenz“ (15) ist gefragt – auch kirchenintern. Zwar hat der Papst Reformen im Geldgeschäft des Vatikans mutig eingeleitet, um die Gelwäscherei mit religiösem Zweck zu unterbinden. Beim Thema „Papst und Mafia“ (vgl. Dokumentarfilm)“ hat er die Mafia mittlerweile exkommuniziert. Die gerechte Aufarbeitung und tatsächliche Beendigung der Komplizenschaft kirchlicher Akteure mit dem Verbrechen (nach dem kirchlichen, aber trügerischen Prinzip: „Hasse die Sünde, liebe den Sünder“ [und sein Geld: Anm. der Redaktion]) steht indes aus und wird, wie so viele Verbrechen kirchlicher Akteure in der Vergangenheit, der Transparenz und Entschuldung bedürfen.

Papst Franziskus ist der erste Papst, der nicht mehr unter dem Verdacht der Verdunkelung und Vertuschung von Verbrechen der Ökologie steht. Das Kirchenoberhaupt hat der Schaffung eines Gerichts für die Vertuschung von sexuellem Missbrauch durch Bischöfe zugestimmt. Papst und Evangelikale haben sich für die gegenseitige Gewalt im Namen der Wahrheit und des Glaubens entschuldigt. Die Waldenser hat der Papst um Verzeihung gebeten für die Verbrechen, welche Kirchenakteure dieser Gemeinschaft angetan haben. Man darf also zuversichtlich sein.

 

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