02.09.2015, KVP Schweiz

"Marsch fürs Läbe" in der rechten Ecke

"Marsch fürs Läbe" anerkennt sein rechtskonservatives Profil

Jährlich tritt "Marsch fürs Läbe" in Zürich auf, so auch am 19. September 2015 in Zürich-Oerlikon. In Auftritt und Wording hat die Organisation in einzelnen Punkten der Kritik Rechnung getragen. Die Schuld- und Sühnetheologie mit Täter, Mittäter und Nazivergleichen beispielsweise wird zurzeit nicht mehr erwähnt, zumindest nicht ausdrücklich (1). Noch geht es dem "Marsch fürs Läbe" aber weiterhin um eine Verdammungstheologie (2), um Rassenhygiene, Ratten und ihre Fänger (3). Dem sagt "Marsch fürs Läbe" "rechtskonservative Werte" (4). Folge davon sind die politische Klassierung von Gott (6), völkische Argumentationen (7), religiöse Ideologien mit Ausgrenzungen (8) und Bibelfundamentalismus (9 f.). Darin unterscheidet sich "Marsch fürs Läbe" beispielsweise vom "Marsch für das Leben" in Deutschland (10, 15).


Dem allem zugrunde liegt ein Eigentumsbegriff zwecks Aufrechterhaltung einer subtilen Diktatur. Folge davon sind unter anderem eine abschreckende Flüchtlingspolitik und die grossen ökologischen Sünden (11.1–11.16). Neiddebatten tauchen auf, Papst Franziskus löst wenig Freude am Glauben aus, der gesamtheitliche Lebensschutz bleibt auf der Strecke. Es fehlt an Übereinstimmung mit dem Glauben, die Spirale der Selbstzerstörung bleibt unangetastet (11.7–11.8). Man will den Anfang und das Ende des Lebens schützen. Für die ganze Zeit dazwischen werden dagegen Organisationen und Parteien unterstützt, die dem schwachen Leben den gebührenden sozialen und ökologischen Schutz regelmässig verweigern. Das ist schizophren.

Unter diesem existenziellen Widerspruch leidet auch „Marsch fürs Läbe“. Im Hintergrund werden totalitäre Zielsetzungen verfolgt, Homophobie, Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit betrieben (12–15).

Bei der politischen Linken ist damit verständlicherweise nichts zu holen (16). Überraschend ist die Evangelische Volkspartei (EVP) neu als Trägerorganisation dem „Marsch fürs Läbe“ beigetreten (17). Das evangelikale Organisationskomitee hat sich verfestigt (18).

Umso mehr stellt sich die Frage: Bringen die diesjährigen Redner am „Marsch fürs Läbe“, EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller, Pfarrer Marc Jost und Bischof Charles Morerod, die wirksame Wende, oder ist auch die EVP einem Rechtsrutsch erlegen (17, 19)? Marc Jost und die EVP könnten das Zeug haben, eine Wende einzuleiten. Bischof Charles Morerod gibt sich eher bedeckt (18).

Wünschbar wäre, den „Marsch fürs Läbe“ von seiner rechtskonservativen Umklammerung zu lösen, die politischen und religiösen Komponenten deutlicher zu trennen und die Organisation in eine breit abgestützte Theologie der Schöpfung einzubetten (20).

Lebensschutz ist sehr sehr wichtig und darf daher nicht in eine politische Ideologie versenkt werden. Für einen extremen, rechtskonservativen Lebensschutz steht die KVP nicht zur Verfügung. Das verbietet schon das Wort „katholisch“. Als christlich-wertbeständige, soziale Partei mit Respekt vor der Schöpfung setzt sie sich ein für die Zusammenarbeit im globalen Konzept des Respekts vor der Schöpfung (20).

Der „Wert mit ewigem Bestand: Gott, Familie, Vaterland!“ auf dem Flyer 2013 ist im Flyer 2015 nicht mehr aufgeführt, ebenso wenig der Begriff „Nation“. Die Kreuze und Särge sind mittlerweile ebenfalls entsorgt – sie waren allein schon ökologisch nicht vertretbar. Vom Nazi-Vergleich, wie er 2013 und 2014 angestellt wurde, ist nichts mehr zu lesen. 2014 plakatierte ein Marschteilnehmer gar den Vergleich der Abtreibung mit den Verbrechen des Islamischen Staates, indem er die Gebeine eines abgetriebenen Fötus einem zur Enthauptung vorgeführten Menschen gegenüberstellte (IS).

1. Täter und Mittäter verschwunden

Man gedenkt nicht mehr „der Täter und Mittäter, deren Seelen durch die Abtreibungspraxis geschädigt wurden“, wie es in der Charta fürs Läbe 2013 noch hiess. Die neue Formel lautet: „Wir gedenken all jener Menschen, deren Seelen durch ihre Beteiligung an der Abtreibungspraxis geschädigt wurden.“ Die von der KVP (Lebensschutz, Ziffer 55 ff.) gerügte Kriminalisierung der Betroffenen ist insofern zurückgefahren worden, zumindest zurzeit. Widerrufen worden ist freilich nichts.

2. Verdammungstheologie weiterhin

Weiterhin wird Verdammung betrieben: „Zehntausende Mütter, Väter, Sozialarbeiter und Ärzte haben sich durch Abtreibungen vor Gott und Mitmenschen schuldig gemacht.“: ein Fall verbaler Gewalt. Der Satz steht nur nicht mehr prominent in der Charta, wie es bis anhin der Fall war, sondern relativ unauffällig in einem Grundlagentext.

Diese Theologie wird massgeblich durch Vertreter des Bistums Chur (bezüglich Schuld: Christoph Casetti 2014; ebenso Pfarrer Rudolf Nussbaumer, in: KVP Ziffer 14) getragen, obwohl mit der katholischen Soziallehre nicht vereinbar („Evangelii gaudium“ [EG] 172), wobei „Marsch fürs Läbe“ sich zusätzlich als „Weizen der bibeltreuen Christen“ versteht. Diese Formel ist bislang ebenfalls nicht widerrufen worden.

3. Rassenhygiene der Ratten und ihrer Fänger

Den Eltern, die sich für die Präimplantationsdiagnostik (PID) entscheiden, wirft “Marsch fürs Läbe“ (15.06.2015) vor, dass ihr Entscheid „in ihrem Leben unweigerlich bittere lebensfeindliche Früchte hervorbringen wird“. Wo sind die Belege dafür? – Es gibt bis heute keine.

„Marsch fürs Läbe“ glaubt, es gebe in der Schweiz „Rassen“ und wirft der PID-Praxis vor, sie betreibe „Rassenhygiene“ (diesen Begriff verwendete er schon 2011) Jene, die sich für die PID-Vorlage stark gemacht haben, bezeichnet „Marsch fürs Läbe“ als „böse Rattenfänger“. Die Befürworter der PID sind also böse und die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, welche die Vorlage angenommen haben, Ratten. Ein derartiges Vokabular lässt nicht bloss den Respekt vor demokratischen Entscheiden vermissen, sondern ist klar der extremen Szene zuzuordnen. Evangelisieren kann man damit auf keinen Fall.

Die Schweizer Bischöfe haben den Abstimmungsausgang demgegenüber „akzeptiert“.

4. Rechtskonservative Werte

“Marsch fürs Läbe“ versteht sich (13.02.2015) nicht als „rechtskonservatives Projekt“. Bislang war er es indes für die KVP eindeutig, und die Organisation anerkennt der Sache nach dieses Image auch weiterhin, wie nachfolgend auszuführen sein wird.

5. Was ist Rechtskonservativismus?

Rechtskonservativismus siedelt sich rechts von christlich-konservativ an und ist ein Merkmal der neuen Rechte mit ihrer Fremdenfeindlichkeit und Homophobie, dem Nationalismus und Kapitalismus, dem mangelnden Respekt vor der Freiheit und den Grundrechten anderer, insbesondere der Religionsfreiheit von Minderheiten. Die Übergänge zum Rechtsextremismus sind fliessend. Völkische Argumente und Militanz verschieben den Rechtskonservativismus bisweilen unzweideutig ins Rechtsextreme.

6. Gott wird politisch klassiert

„Marsch fürs Läbe“ schreibt: „Gott ist nämlich sowohl ‚links‘ als auch ‚rechts‘. ER ist für Arme, Schwache und Fremde und will, dass auch wir Barmherzigkeit üben. Bezüglich der moralischen Richtlinien ist er jedoch ‚rechtskonservativ‘“. „In Sachen Ehe, Familie, Sexualität, Abtreibung Eigentum, überhaupt in Bezug auf Seine Gebote, verkündet ER seit Urzeiten dieselben, ewig gültigen Verhaltensregeln.“

Solche Sätze sind im Lichte der katholischen Soziallehre problematisch wenn nicht gar eine Provokation. Obwohl „Marsch fürs Läbe“ sein Projekt als nicht rechtskonservativ bezeichnet, qualifiziert er die Werte, die er vertritt, mit diesem politischen Begriff. Die Unterscheidung der Geister drängt sich auf. Das rechtskonservative Profil des „Rechts auf Leben“ beispielsweise ist nicht deckungsgleich mit jenem gemäss katholischer Soziallehre (vgl. nachstehend 11.8).

Gott und seine Gebote sind gemäss katholischer Lehre weder rechts noch links und auch nicht „konservativ“ (so auch Martin Grichting gemäss KVP Ziffer 6.1; EG 213). Papst Franziskus hat sich von den politischen Kategorien rechts und links immer distanziert. Er war „nie einer von den ‚Rechten‘“ und auch kein Sozialdemokrat, sondern vertritt nur, aber sehr kraftvoll, die Soziallehre, die aus dem Evangelium kommt (vgl. des Weiteren nachstehend Ziffer 11.8). Die Pflichten der Christen gegenüber der Natur beispielsweise sind nicht grün, sondern „Bestandteil ihres Glaubens“ („Laudato si‘“ [LS] 64).

7. Was so alles „im Namen Gottes“ geschieht

„Marsch fürs Läbe“ hat bislang völkisch argumentiert: „Ein Volk, das seine Nachkommen nicht leben lässt, arbeitet an seiner eigenen Zerstörung.“ (Flyer 2012). Diese Argumentation, die in der Schweiz schon immer ohne jeglichen Realbezug gewesen ist, wird zumindest zurzeit nicht mehr aufgeführt. Widerrufen wurde sie aber nicht, und es kommen neue Formulierungen hinzu: Es wird beispielsweise ein „Aufschrei“ verlangt zu einem faktenmässig ungesicherten Einzelfall, wo zwar jederzeit Strafanzeige möglich wäre, wenn etwas Regelwidriges vorgefallen wäre, für den aber „das grösste Unrecht unseres Volkes“ verantwortlich sein soll.

Eindeutig geblieben ist das völkische Element in der Charta, indem sich „Marsch fürs Läbe“ anmasst, für das „Schweizer Volk“ zu sprechen und ihm Sünden unterstellt. Zur Legitimation stützt sich die Charta auf den Ingress der Bundesverfassung mit dem Hinweis auf die Formel des von den Rechtskonservativen verfemten Schriftstellers Adolf Muschg, „…dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen“. Die Abtreibung war mit dieser Formel, sowohl nach objektiver wie nach subjektiver Auslegung, zweifellos nicht gemeint. Mittlerweile ist gemäss Verfassung auch die Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaubt: alles „im Namen Gottes des Allmächtigen!“ Ist das nicht geistige Korruption?

8. Religiöse Ideologie und Ausgrenzungen

Die moralischen Normen im Alten und Neuen Testament sind, entgegen „Marsch fürs Läbe“, keineswegs immer die gleichen. Erst recht haben sich deren Interpretation und Umsetzung im Verlauf der Geschichte immer wieder, sowohl innerhalb der Kirche wie ausserhalb von ihr, gewandelt. Der jüngste Fall des Homo-Bashings von Bischof Vitus Huonder ist ein Beispiel dafür.

Bei Rechtskonservativen bringt diese Anwendung ein System von Ausgrenzung und Aussortierung gegenüber Minderheiten mit sich, ohne Gnade und Barmherzigkeit. Zurzeit spüren das vor allem Homosexuelle, Arme und Ausländer. Sie werden aktiv (Tun) oder passiv (Unterlassen, Verschweigen), mit verbaler oder physischer Gewalt, verfolgt. So spotten Rechtskonservative nicht selten zum Beispiel über die Flüchtlinge. Armen, bedürftigen Familien und Alleinerziehenden wird im rechtskonservativen Milieu hinreichende staatliche Unterstützung regelmässig verwehrt. Die Ungleichheit von Mann und Frau in der Arbeitswelt und die Verbesserung ihrer sozialen Stellung wird nicht behoben. Der soziale Schutz der Schwangeren fristet ein Mauerblümchen-Dasein, was die Schweizer Bischofskonferenz seinerzeit bewog, die Volksinitiative „Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache“ nicht zu unterstützen (KVP Ziffer 91 f. und Bischof Charles Morerod; ebenso EG 214).

Der „traditionelle Katholizismus“ soll eine Stimme haben in der Kirche, meint Giuseppe Gracia (Leviten Ziffer 9). Wer dagegen sei, sei keine liberale Stimme mehr. Der Begriff „traditioneller Katholizismus“ ist indes, wie alle „-Ismus“-Begriffe, ein ideologischer Begriff (kritisch auch EG 94). Ideologische Christen, Priester, Bischöfe, Päpste, sind eine Krankheit, erschrecken die Menschen und treiben sie in die Flucht, sprechen Gebete, aber beten nicht. Diese Christen „werden steif, moralistisch, ohne Güte“. “Sie sind nicht transparent.“ (Papst Franziskus). Es kommt zu einer Anhäufung fixer Ideen und Streitigkeiten (EG 49), zu einer schrecklichen Korruption mit dem Anschein des Guten (EG 97) in einer Schreibtisch-Theologie (EG 133; Papst Franziskus).

9. Gott und Kaiser umarmen sich

Die Bewegungen wachsen, in denen Glaube und Politik vereint auftreten und politische Kräfte religiöse Instanzen für sich vereinnahmen wollen. Dazu gehört beispielsweise der „Verein für die traditionelle Familie“, der auf die Bischöfe in Sachen Homosexualität Druck machen will und das „schuldhafte Schweigen“ der Schweizer Bischofskonferenz und die „Widersprüche unter den Bischöfen“ abmahnt. Hinter dem Anliegen stehen Rechtspolitiker.

Umgekehrt verstehen sich bisweilen auch Bistumsorganisationen als „Partei“ im Rahmen einer Parteienkirche (Netzwerk Ziffer 13 ff.).

„Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.“ (Benedikt XVI. Rede vor dem Bundestag).

10. Bibelfundamentalismus

Bibelfundamentalismus ist Ausdruck der ungenügenden Unterscheidung zwischen weltlicher und religiöser Sphäre. Als Beispiel kann der Vortag von Bischof Vitus Huonder in Fulda dienen. Allein massgebend sind Bibelstellen, andere Wissenschaften als Bibelexegese braucht es nicht (gegenteilig: EG 133). Dass man mit Bibelfundamentalismus tausende Leser oder Zuhörer vor den Kopf stösst und auch die Herzen nicht erreicht, merkt man nicht. Man bewegt sich „rein akademisch-theologisch“ (Bischof Huonder). In Wirklichkeit betreibt man „eine rein moralistische oder unterweisendee Verkündigung“, eine „Exegese-Vorlesung. Sie schränkt die „Kommunikation zwischen den Herzen ein.“ (EG 133, 142), schliesst eine achtsame und freundliche Evangelisierung von vorneherein aus.

Mit all dem vorstehend aufgeführten ideologischen Ballast unterscheidet sich „Marsch fürs Läbe“ auch weiterhin vom „Marsch für das Leben“ in Deutschland.

11. „Marsch fürs Läbe“ mit einem Eigentumsbegriff des Egoismus und praktischen Relativismus

Was ist der Eigentumsbegriff, den Gott nach Aussage von „Marsch fürs Läbe“ verkündet (vgl. vorstehend Ziffer 6)? Es ist ein anderer Eigentumsbegriff als der von „Marsch fürs Läbe“ proklamierte und praktizierte.

11.1 Fremde und Halbbürger

Die katholische Lehre betont nicht einfach das Eigentum, wie „Marsch fürs Läbe“, sondern auch dessen Sozialpflichtigkeit und die Verteilung der Güter. „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“ (EG 58; LS 93). Der Missstand besteht seit mindestens 200 Jahren, gemäss dem “geltenden ‚privatrechtlichen‘ Erfolgsmodell“ (LS 196). Gott aber lehnt „jeden Anspruch auf absolutes Eigentum ab: ‚Das Land darf nicht endgültig verkauft werden; denn das Land gehört mir, und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir‘“ (LS 67, 93). Gott ist „einziger Eigentümer der Welt“ (LS 75).

11.2 „Mist des Teufels“

Das kontinentaleuropäische Recht dagegen geht von einem Eigentum als absolutes, unverjährbares Recht aus, das über Generationen vererbt werden kann. Diese Eigentumsordnung ist Voraussetzung für die Macht einiger Machtgruppen (LS 107). Die Macht erlangen sie durch Ausnützung der Technik (LS 16) aufgrund des „praktischen Relativismus“ (der noch gefährlicher ist als der moralische Relativismus) der Eigeninteressen (LS 122; EG 80) und der absolut gesetzten Eigentumsordnung. In dieser Ordnung werden Schulden zum Kontrollinstrument der Mächtigen und des Kapitals (LS 52, 123). Die lokalen Wirtschaften geraten in einen neuen Kolonialismus und werden einer „subtilen Diktatur“ „untertan“ und bevormundet. „Die Erde, die Völker und die einzelnen Menschen werden auf fast barbarische Weise gezüchtigt. Hinter so viel Schmerz, so viel Tod und Zerstörung riecht man den Gestank dessen, was Basilius von Cäsarea den ‚Mist des Teufels‘ nannte.“ (Papst in Südamerika). Das Geld übt mehr Macht aus als der Staat, und erst noch mit veralteten Kriterien, in einem „strukturell perversen System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen“ (LS 189, 196, 52). Die Technologie ist nicht neutral, wie in der Vergangenheit oft gelehrt wurde (LS 114). Das technologische Paradigma führt vielmehr zur „Spirale der Selbstzerstörung“ (LS 163).

Sehr oft ist man aus Gründen der Profitmaximierung nicht bereit, das notwendige Geld für soziale Zwecke bereitzustellen, um die Strukturen zu ändern. Man beschränkt sich auf Almosen oder narzistisches Mäzenatentum, welches das System legitimieren soll. Egoismus, vielfach „kollektiver Egoismus“ (LS 204), herrschen in diesem System vor, auch international. Diese Wirtschaft tötet, sagt Papst Franziskus immer wieder, und meint damit die Wirtschaft reicher Länder wie die Schweiz.

Viele meinen, dass man dagegen nichts anderes mehr tun kann, als sich um sich selbst und den kleinen Kreis von Familie und Freunden zu kümmern“ (Papst Franziskus in Südamerika).

11.3 Kein absolut freier Markt

Begriffe wie Gemeinwohl, Solidarität und soziale Marktwirtschaft werden in diesem System nicht genannt. Klima und Umwelt sind als Kollektivgüter nicht anerkannt. Der Fortschritt liegt im Konsumismus, dem individuellen und kollektiven Egoismus nach dem Prinzip der „Willkür des Stärksten“ (LS 82). Die Umweltprobleme soll der freie Markt regeln (was er aber nicht kann: LS 190). Vergleichsmassstab ist hauptsächlich der Profit. Folge davon sind Ausgrenzungen im Inland mit zehntausenden Arbeitslosen, in die Sozialversicherungen abgeschobenen Menschen, Ausgesteuerten, Working Poor. Ein Teilen der Arbeit mit den Schwächeren kommt nicht in Frage. Global verweigert das technologische Paradigma des maximalen Profits eine gerechte Bezahlung der Arbeitenden, namentlich in den Rohstoff-Lieferländern, weil das den Profit schmälern oder die Preise erhöhen würde. Eine Kontrolle des Fairtrade, und der Ausbeutung, unter anderem mit Konsumenteninformationen auf Produkten, wird als unnötige Reglementierung abgelehnt, wie wenn der Konsument solche Dinge selbst kontrollieren könnte.

11.4 Flüchtlinge auf der rechten Rutschbahn

Die Flüchtlinge, sollen ihren Lohn abgeben und kein Kapital in ihre armen Länder exportieren. Das nennen CVP-Politiker hierzulande „christlich“, ist aber nur ein weiteres Indiz, dass die CVP unverkennbare Tendenzen zu einem Abdriften nach rechts aufweist (Flüchtlinge Ziffer 2). Wenn Flüchtlinge für ihre Familien nach unserem Standard nicht aufkommen können, sollen sie verpflichtet werden, die Familie faktisch aufzulösen. Ein Familiennachzug soll ausgeschlossen sein. Die Bischofskonferenz nennt die Ängste der Bevölkerung „verständlich“. Mit dem Verstand haben solche Ängste indes nicht viel zu tun. Sie sind lediglich nachvollziehbar. Zur konkreten Fremdenfeindlichkeit – etwa zur unhaltbaren (vgl. auch KVP, EVP-Nationalrätin Maja Ingold, Kardinal Rainer Maria Woelki; dagegen kath.net, in den Kommentaren zum Teil gestützt auf Bibelfundamentalismus). Forderung der Bevorzugung christlicher Flüchtlinge – schweigen die Bischöfe, erklären lediglich und wenig aussagekräftig, „ungezählt“ seien die „Bemühungen und Anstrengungen“. Ein Rechtsrutsch ist auch bei den Bischöfen nicht von der Hand zu weisen (Flüchtlinge Ziffer 3). Erfreulicherweise prüft Bischof Felix Gmür nun aber, von seinen 40 Büros in seinem Schloss einen Teil für Flüchtlinge bereitzustellen. Wann öffnen andere Bischöfe ihre Höfe und Schlösser? In einer neueren Stellungnahme forderten die Bischöfe, „allen Menschen in Not und Bedrängnis zu helfen“ (Flüchtlingen und Migranten) und verlangten „grössere Hilfsanstrengungen auf allen Ebenen“. Was das in den umstrittenen Fragen heisst, bliebt auch hier offen (Generalvikar Martin Grichting macht eine Unterscheidung zwischen existentiell bedrohten Migranten und Wirtschaftsmigranten. Letztere sollen kein Asyl erhalten. Kardinal Reinhard Marx – richtigerweise – optiert langfristig gegen die Unterscheidung von Kriegsflüchtlingen und Armutsflüchtlingen.). Auch gab es keine resoluten Stellungnahmen gegen Homophobie, Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit und für eine Willkommenskultur.

11.5 Familienwirtschaft und keine Wirtschaftsfamilie

Im System des technologischen Paradigmas liegen wesentliche Gründe für das “städtische Chaos“ (LS 44, 154), die Entwurzelung, Langeweile, soziale Anonymität (LS 149), den sozialen Niedergang (LS 46), den Verfall und die gegenseitige Zerstörung der Menschen (LS 79).

Die Löhne sind im oftmals nicht mehr in der Lage, eine Familie zu ernähren. Deshalb müssen beide Elternteile arbeiten gehen und die Kinder in die Krippe geben. Das aber lehnen die Rechtskonservativen kategorisch ab. Für eine Verbesserung der Löhne setzen sie sich anderseits nicht ein. Bessere Sozialleistungen werden abgelehnt, weil der Staat nicht in die Familie eingreifen soll, die Familie als ein vom Staat und von den Gesetzen der Wirtschaft möglichst unabhängiger Ort sein soll. (so Giuseppe Gracia). Was ist das für ein fatamorganisches Familienbild? Gepredigt wird am Sonntag vom christlichen Menschenbild, von weltanschaulichen oder anthropologischen Voraussetzungen. Grosse Theorien werden aufeinandergeschichtet und verschoben. Gepredigt wird freilich auch vom Zeugnis im realen Leben. Gerade dieses fehlt indes weithin. Die Rechtskonservativen sprechen ungern von Kindern, „die es immer schwerer haben, ein eigenes Haus zu erwerben und eine Familie zu gründen“ (LS 162), zu prekär, unsicher und unterbezahlt sind die von ihnen geschaffenen Arbeitsmöglichkeiten (LS 134).

All dem muss man mit Papst Franziskus entgegenhalten: „Die Wirklichkeit steht über der Idee“ (LS 201). „Die Menschheit des post-industriellen Zeitalters“ wird „vielleicht als eine der verantwortungslosesten der Geschichte in der Erinnerung bleiben“ (LS 165). Das Gebot der Stunde ist daher und vielmehr ein eigentlicher „struktureller Perspektivenwechsel“ auch im wirtschaftlichen Bereich („Instrumentum laboris“, Ziffer 14). Wir brauchen eine Familienwirtschaft und keine Wirtschaftsfamilie.

11.6. Ersatz der subtilen Diktatur durch die sublime Geschwisterlichkeit

Papst Franziskus sagt daher: Die subtile Diktatur des technischen Paradigmas muss der sublimen, universalen Geschwisterlichkeit weichen (LS 201, 221, 228, 89). Man muss „das krankhafte Misstrauen überwinden, die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern und aus dieser Integration einen Entwicklungsaktor machen!“ (LS 152). „Es gibt keine politischen oder sozialen Grenzen und Barrieren, die uns erlauben, uns zu isolieren (LS 52).

11.7 Neiddebatten und wenig Freude an Papst Franziskus

In den Diskussionen der Rechtskonservativen ist demgegenüber oftmals eine Neiddebatte auszumachen. Man vergönnt anderen Vorteile und Pflichten, die man selber hat. Man anerkennt das Läuten der Glocken für Flüchtlinge, kritisiert aber, dass Gleiches nicht für abgetriebene Föten gemacht werde, spielt Lebensschutz im engen Sinne gegen Ökologie und Flüchtlinge aus (so „Marsch fürs Läbe“; vgl. vorstehend Ziffer 6).

Rechtskonservative Freude am Glauben heisst immer auch wenig Freude an Papst Franziskus.

Gemäss Papst Franziskus [LS 25], sind nicht der selektive Lebensschutz, der Islam oder die Gender-Theorie die grösste Sorge der Welt, sondern der Klimawandel, das Profitstreben des Westens, die Eingliederung der Armen und der Friede im sozialem Dialog (EG 17, 176, 185; zum Islam und den gehässigen Verallgemeinerungen wegweisend: EG 253). Die „Spirale der Selbstzerstörung“ (LS 163) durchzieht das ganze Programm, nicht nur selektiv den Lebensschutz im engen Sinne. Warum folgen die Rechtskonservativen nicht diesem Führungsrhythmus?

Man vergönnt dem Papst seine Beliebtheitskurven, interpretiert sie geradezu als Anzeichen dafür, dass er nicht auf dem rechten Weg sei, und wartet nur auf seinen Absturz. Im Übrigen ist seine Beliebtheit in Amerika wegen seines Lehrschreibens „Laudato si‘“ eher zurückgegangen. Es gibt aber auch eher gegenteilige Meldungen.

Die Rechtskonservativen haben Mühe mit „Laudato si‘“. Die Enzyklika nahmen sie mit Spott, Hohn, Kritik oder Stillschweigen zur Kenntnis und spielten auf alten Polarisierungen, wie wenn es die Enzyklika nicht geben würde. Etwas zähneknirschend formulierte Guido Horst: „Wenn schon grün, dann richtig“ (auch in: „Katholische Wochenzeitung Nr. 30–32/24.07.2015). Erfolgversprechend und realistisch ist der Zusammenschluss mit Gleichgesinnten (so die Bischöfe Asiens).

Zitiert wird Papst Franziskus zu unbestrittenen Allgemeinplätzen, um vordergründig Papsttreue zu signalisieren, ohne aber seine wirklichen, aktuellen Anliegen aufzunehmen (so beispielsweise Bischof Huonder in seinem Fuldaer Vortrag). Die Zitatlieblinge der Rechtskonservativen sind Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI., freilich auch diese nur selektiv, ohne die Ökologie zu berücksichtigen. Papst Franziskus wird vorbehaltlos dann zitiert, wenn er sich auf seine beiden Vorgängerpäpste beruft.

Der Widerstand Rechtskonservativer gegen Papst Franziskus wird zunehmend offensichtlicher. Manche meinen nur, Berichte darüber seien „stark übertrieben“. Realistischer erscheint, dass viele Bischöfe die Ära Franziskus „durchtauchen“ wollen (Kurt Appel). Und ganz generell scheint, dass die mentalen Reformen, die Papst Franziskus mit EG und LG eingeleitet hat, auf unterer Stufe der Kleriker noch überhaupt nicht zu wirken begonnen haben. Der Führungsrhythmus von Papst Franziskus wird nicht übernommen, das „Sentire cum ecclesia“ (Papst Franziskus) lässt zu wünschen übrig. Erste positive Anzeichen in der Schweiz sind immerhin bei Bischof Felix Gmür auszumachen, indem er Papst Franziskus bei dessen zentralen Anliegen zitiert. Er gibt damit zum Ausdruck, dem Führungsrhythmus des Papstes folgen zu wollen.

11.8 Ganzheitlicher Lebensschutz bleibt auf der Strecke

Wir unterstützen das System der Zerstörung der Schöpfung, das Jesus nicht will, täglich in der einen oder anderen Form mit unseren Taten (LS 109, 113, 92), obwohl es nicht verallgemeinerungsfähig ist (LS 90). Wir beziehen Produkte aus Regionen, „wo die Verhaltensweisen korrumpieren, Menschenleben vernichtet werden“ (LS 142). Wir drehen durch unsere eigene Arbeit an der ökologischen „Spirale der Selbstzerstörung“ (LS 163).

Der Ansatz muss ein ganzheitlicher sein (LS 139). Wir sind nicht glaubwürdig, wenn wir im Lebensschutz plötzlich eine andere Logik vorgeben, als wir im täglichen Leben rundum praktizieren. Das ist „Schizophrenie“ (LS 118), weil: „es handelt sich um die gleiche Logik des ‚Einweggebrauchs‘“ (LS 123). Die Dinge sind nicht zu trennen, „das Buch der Natur ist eines und unteilbar“, wobei die Enzyklika die Zerstörung der Ökologie eher als Folge des ethischen und kulturellen und moralischen Verfalls sieht als umgekehrt (LS 6, 70, 86, 170, 138 ff., 141 f., 162, 123, 128, 119, 162, 229). Es fehlt an Übereinstimmung mit dem Glauben (LS 200). Das technologische Bewusstsein und die daraus abgeleitete Macht sind so tief im Volk selbst verankert, dass eine Kontrolle der Macht (LS 179) und Umkehr nicht leicht ist. Es bedarf der „sozialen Demut (LS 224; EG 240), vor allem, wenn man dem „politischen Realismus“ noch Rechnung tragen muss (LS 180). Trotzdem ist es sogar „notwendig (…) dass auch wir uns gegenseitig kontrollieren“ (LS 214). Das Debakel angerichtet haben die christlichen Kulturen, aufgrund einer falschen Theologie, einer – vor allem auch evangelikalen – „Theologie des Wohlstands“ (EG 90) und der Verweltlichung. Umkehren müssen daher allen voran die Christen! (Papst Franziskus).

Wir brauchen „grössere Kohärenz“ (LS 15). „Wir brauchen „einen neuen Menschen“ (LS 118), „eine neue Welt“ (EG 288), ein einfaches Leben (LS 98; das ist „der Blick Jesu“). Der Mensch greift in die Natur nur ein, „wenn es für sein Leben notwendig ist“ oder „um ihr bei der Entfaltung ihrer selbst behilflich zu sein“ (LS 130, 132). „Jede Gemeinschaft darf von der Erde das nehmen, was sie zu ihrem Überleben braucht (LS 67), „was zum Leben und um Gastfreundschaft zu bieten unentbehrlich ist (LS 71). „Man kann wenig benötigen“ (LS 223). Davon ist die zivile Eigentumsordnung weit entfernt. Ausgrenzungen und Wegwerfkultur sind dieser Ordnung immanent.

12. Exponenten von „Marsch fürs Läbe“ mit totalitärer Zielsetzung, Homophobie und Islamophobie

An diesen Widersprüchen leidet auch „Marsch fürs Läbe“.

Noch instrumentalisieren sich die religiöse und politische Seite gegenseitig zu sehr. Noch besteht das Konzept hauptsächlich darin, auf die moralischen Normen zu verweisen. Man fordert einen engen Lebensschutz, von dem man praktisch nicht betroffen ist, handelt aber im viel grösseren, gesamtheitlichen sozialen Kontext von Wirtschaft, Familie und Ökologie wie die meisten anderen Menschen an der Zerstörung der Schöpfung und grenzt Bewegungen, die dort draussen noch Gegensteuer geben, geradezu aus.

Das praktische Leben der Rechtskonservativen unterscheidet sich grösstenteils kaum vom Leben jener, die angeblich ihre Gegner sind. Sie begehen weitgehend die gleichen „Sünden gegen die Schöpfung“ (LS 8) und huldigen der Wegwerfkultur wie viele andere. Das ist schizophren.

Grussadressen des Papstes und Kardinal Müllers, die man sich bisweilen organisiert, können darüber nicht hinwegtäuschen, sondern sind eher ein Zeichen für den Wunsch, Ehre voneinander zu empfangen (EG 93, 31), in jedem Fall erwiesene Freundlichkeit. Sie ist auf Anfrage zum Preis eines Zweitklassbilletts Rom retour günstig zu haben (neulich Papst Franziskus zum Marsch für das Leben 2015 in Berlin), dispensiert darüber hinaus aber nicht vom Näher-Hinschauen.

„Marsch fürs Läbe“ hat augenscheinlich radikal andere Begriffe von vielem, was die katholische Soziallehre lehrt: von den Armen, den Fremden, Minderheiten und dem Eigentum. Seine Sicht ist eine rechtskonservative. Viele seiner Teilnehmer hangen rechtskonservativen oder gar rechtsliberalen Ideologien an.

Indem „Marsch fürs Läbe“ die Werte im Bereich Lebensschutz mit „rechtskonservativ“ belegt, stimmt sein Weltbild zu einem grossen Teil mit dem Weltbild von dessen Leader Daniel Regli und der bisherigen Trägerorganisationen überein:

13. Todesstrafe als „göttliche Ordnung“

Daniel Regli (Lebensschutz Ziffer 36) spottet über Homo-, Trans- und Intersexuelle. Damit stimmt er überein mit homophoben Äusserungen von Bischof Vitus Huonder, der insofern die Unterstützung der bisherigen Trägerorganisationen von „Marsch fürs Läbe“ geniesst. Neulich begründete der Bischof – unwiderrufen – das Verbot der Homo-Ehe mit der Todesstrafe als „göttliche Ordnung“ gemäss Levitikus 20,13. Seine Anhänger aus „Zukunft Schweiz“ pflichteten ihm mit eigenen homophoben Publikationen bei und zitieren einen Haufen sozialwissenschaftlicher Daten, alle zu Ungunsten der Homosexuellen. Diese werden mit „Entwicklungsstörung“ pathologisiert. Wissenschaftliche Gegenmeinungen werden nicht zugelassen, geschweige denn im Kontext aller übrigen Wissenschaften gewürdigt. Da ausserdem nicht ausgeführt wird, wie den homosexuellen Menschen gesundheitsmässig geholfen werden kann, sind auch diese Rattenschwänze an einseitigen sozialwissenschaftlichen Daten Ausdruck einer Homophobie, welche die Homosexuellen primär in ein schlechtes Licht rücken sollen.

Bischof Charles Morerod will „resolut“ für die katholische Lehre einstehen (vgl. nachstehend Ziffer 19). Inwiefern das etwas anderes ist als bei den Theologen aus der Churer Bistumsleitung, wird man sehen. Er wiederholte seine früher (Leviten, Ziffer 2) geäusserte These, wer die Moral zur Homosexualität nicht verstehe, lebe nicht aus dem christlichen Glauben heraus. Bischof Büchel betonte zur Homosexualität, „es liege im Entscheid und Gewissen des Einzelnen, wie er damit umgehe“. Das zeigt: „Innerhalb der Bischofskonferenz“ wird „die Homosexualität unterschiedlich bewertet“. Die Bischöfe müssten in gewissen Fragen eine Sensibilität erst noch „entwickeln“, wurde gesagt. Die Kommunikation bleibe eine „Herausforderung“. Die Bischöfe müssten bei wichtigen Themen zuerst miteinander reden. War das ein verbindlicher Beschluss? „Die SBK hat keine Befehlsgewalt über Bischöfe.“

14. Islam „Hauptbedrohung“

Weihbischof Marian Eleganti, Pfarrer Rudolf Nussbaumer und die meisten bisherigen Trägerorganisationen von „Marsch fürs Läbe“ sind islamophob ausgerichtet und haben die Minarettverbotsinitiative unterstützt. Zur fremdenfeindlichen Asylpolitik seiner eigenen Partei schwieg Daniel Regli bislang.

Der Präsident von „Zukunft Schweiz“ (eine Trägerorganisation von „Marsch fürs Läbe“), Hansjürg Stückelberger, vertritt fremdenfeindliche, islamophobe Staatstheorien (vgl. KVP Ziffer 34, 36; „der Islam“ sei eine „Hauptbedrohung“, in: „Abendland“ Nr. 289/Juni 2015). Er bekämpft das Phantom der islamischen Parallelgesellschaften (vgl. Pressefreiheit Ziffer 2; ebenso und gegen die multikulturelle Gesellschaft: Jugend & Familie; zutreffend dagegen Bischof Felix Gmür) und ist grundsätzlich gegen die Anerkennung islamischer Gemeinschaften (ebenso tendenziell kulturkämpferisch die CVP und, sich auf Mohammed berufend, Martin Grichting, entsprechend dem Parteiprogramm der SVP). Menschenwürde und Flüchtlinge sind in diesen Kreisen kein Thema.

Hansjürg Stückelberger verbreitet seine Ideologien über „Radio Gloria“ (dessen Mitarbeiter gemäss Bischof Huonder „das wichtige Ziel der Neuevangelisierung mit Liebe und Glaube verfolgen“). Radio Gloria“ ist Medienpartner von „Marsch fürs Läbe“: aussen katholisch, innen rechts. „Zukunft Schweiz“ unterhält Beziehungen mit der Bistumsleitung in Chur. Das rechtskonservative Netzwerk ist damit operativ einsatzfähig aufgestellt, aber fremdenfeindlich. Personifiziert ist der Widerspruch zwischen Lebensschutz und Lebensfeindlichkeit in SVP-Ständerat Peter Föhn. Er war Aushängeschild diverser Lebensschutzinitiativen, verlangte aber auch in einer parlamentarischen Motion ein „Asylmoratorium“, das heisst die Ausserkraftsetzung des Grundrechts auf Asyl. Lebensschutz im engen Sinn und Fremdenfeindlichkeit gehören hier untrennbar zusammen. Die Gründe für dieses Phänomen liegen in einer historisch begründeten Überheblichkeits-, Abwehr- und Verfolgungstheologie.

Aus einer vorurteilslosen Sicht gibt es derzeit keine hinreichenden Gründe, Muslime grundsätzlich nicht aufzunehmen, zumal es noch erhebliches Potenzial in den Integrationsprozessen gibt und der Westen an der Migration gemäss „Laudato si‘“ infolge Kolonialisierung und Waffenlieferungen eine schwere Mitverantwortung trägt.

15. Totalitarismus und Gemeinwohl verwechselt

Daniel Regli glaubt, das Ziel im Kampf gegen die Abtreibung sei erst erreicht, „wenn es keine Abtreibung mehr gibt“ (KVP Ziffer 28). „Total Mensch“, wie der diesjährige Slogan von „Marsch fürs Läbe“ heisst, bedeutet in diesem Zusammenhang totalitär. Die Soziallehre kennt das Wort „total“ nicht, sondern spricht von „ganz Mensch“(„Instruktion Dignitas personae“, Ziffer 5). „Marsch fürs Läbe“ selbst peilt ein erneutes Abtreibungsverbot an (Flyer 2012, auch 2015).

Daniel Regli greift die Warnung auf Zigarettenpäckchen zu den tödlichen Gefahren des Rauchens an. Der Hinweis liegt im öffentlichen Interesse. Für Regli ist es ein Fall von Gutmenschentum und Diktatur (vgl. vorstehend Ziffer 11.3).

Mit all dem vorstehend unter Ziffer 12 ff. aufgeführten ideologischen Ballast unterscheidet sich „Marsch fürs Läbe“ auch weiterhin vom „Marsch für  das Leben“ in Deutschland.

16. Flirt mit der Linken

„Marsch fürs Läbe“ ist zuzustimmen: Natürlich gibt es Christinnen und Christen in linken Parteien, die sich für das uneingeschränkte Lebensrecht engagieren. Diese Personen müssten auch mit Spott und Widerstand rechnen, „wenn sie von Gott bewegt gegen den Zeitgeist aufstehen“, wie „Marsch fürs Läbe“ meint. Das trifft nicht zu. Wer anständig, nicht anmassend, sachlich, ohne Provokationen auftritt und argumentiert und das Anliegen nicht von vorneherein für den Rechtskonservativismus, gegen den angeblichen Zeitgeist und für die angeblich „echten Christen“ vereinnahmt und erst noch laufend das Wort „Gott“ im Munde führt, muss damit keineswegs rechnen, denn er verzichtet auf die Verletzung Andersdenkender (so vorbildlich Ständerat Felix Gutzwiller; PID Ziffer 1.8). Illusorisch erscheint daher der Wunsch von „Marsch fürs Läbe“, dass sich auch Linke für sein Anliegen engagieren. Selbst lehramtstreue Katholiken tun das nicht, zu gross ist die Gefahr, dass man damit in die rechtskonservative Ecke gestellt wird. Nicht so sehr der Lebensschutz provoziert primär Spott und Widerstand, sondern seine Ansiedlung im politisch rechtskonservativen Milieu: aggressiv, ausgrenzend, elitär, verständnislos gegenüber einer ganzheitlichen Ökologie und ohne geringste Ansätze zu einem Dialog. Das ist schizophren.

17. Neuer Wind aus dem ganzheitlichen Lebensschutz?

Als neue Träger des Marsches sind die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA); 23.12.2014) und die Evangelische Volkspartei (EVP; 31.03.2015) hinzugekommen. Neu ist dieses Jahr auch das Profil der Redner. EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller ist gemässigt und hat sich gegen das jüngste Homo-Bashing von Bischof Vitus Huonder ausgesprochen. Präimplantationsdiagnostik ist für sie nur noch eine Weltanschauungsfrage. Pfarrer Marc Josts Biographie ist „stark freikirchlich geprägt“, aber ohne Bekehrungserlebnis. Er ist „wertkonservativ“, lehnte die Antiminarettinitiative aber ab. Nach ihm zählt „nicht einzig das innere Glaubenserlebnis“. „Beherzige ich den Auftrag Jesus an die Kirche, muss ich mich an die ganze Schöpfung und an alle Menschen wenden.“ So arbeitet er an einem Projekt, das ein Haus für Migranten aus dem arabischen Raum betreibt. Einiges deutet daher darauf hin, dass Jost von einem ganzheitlichen Lebensschutzbegriff ausgeht. Sieht man das, „kann man die plakative Asyl-Politik der nationalen SVP schlicht nicht nachvollziehen“, wie er bekennt. Daraus folgert er überdies: „Die EDU wäre nie meine Partei gewesen.“

Warum tritt er gleichwohl am „Marsch fürs Läbe“ auf? „Initiant Daniel Regli sei auf das Anliegen der Allianz eingegangen, weniger provozierend aufzutreten“, wird Jost, der Co-Präsident der SEA ist, zitiert (02.07.2015). Wie vorstehend aufgezeigt, gibt es hier aber nicht nur ein Problem lediglich des Stils (Provokation), sondern auch der Inhalte. Stil und Inhalte sind trotz angeblichem Versprechen von Daniel Regli im Wesentlichen unverändert geblieben.

18. Evangelikales Organisationskomitee

Im Organisationskomitee (OK) von „Marsch fürs Läbe“ sitzen immer noch praktisch ausschliesslich Leute aus der rechtskonservativen, das heisst homo- und islamophoben Szene, keine Vertretung einer katholischen Organisation. Unter den Teilnehmenden am „Marsch fürs Läbe“ scheinen die Katholiken deutlich in Unterzahl zu sein. Beispielsweise hat gemäss vorliegenden Daten kein einziges Mitglied des Trägerteams des Weltjugendtages in Freiburg die „Charta für das Leben“ unterzeichnet.

Das OK von „Marsch fürs Läbe“ besteht fast ausschliesslich aus Evangelikalen, der Vorstand des Trägervereins gar ausschliesslich. Im diesjährigen OK sitzt nebst „Jugend und Familie“ eine Vertreterin von „Zukunft Schweiz“. Beide Organisationen gehören gemäss dem Generalsekretär der SBK zu den extremen Kreisen (Verwirrung, Ziffer 10.5).

Ein ökumenisch zusammengengesetztes OK und ökumenische Medienpartnerschaften aus Sicht der landeskirchlichen Gemeinden sehen indes etwas anders aus.

19. Resoluter Bischof Charles Morerod

Offen ist, ob „Marsch fürs Läbe“ mit dem diesjährigen Engagement von Bischof Charles Morerod als zweiter Redner einen erleichterten Zugang zu „landeskirchlichen Gemeinden“ erhält. Die landeskirchlichen Organe in Zürich hielten dem „Marsch fürs Läbe“ die Kirchen bislang mit gutem Grund verschlossen. “Marsch fürs Läbe“ meint, katholische Gläubige und Würdenträger würden „deutlich weniger zurückhaltend„ sein, wenn es darum gehe, für die Wahrheit und das Leben auf die Barrikaden zu gehen. Gemeint waren vor allem die homophoben und islamophoben Würdenträger aus dem Bistum Chur. In diesem Bereich kann „Marsch fürs Läbe“ bei der herrschenden Konzeption zweifellos noch wachsen. Seit dem Marsch 2014 stieg die Zahl der Unterschriften für die Charta um mehr als 500. Das ist beachtlich. Wenn „Marsch fürs Läbe“ die Instrumentalisierung kirchlicher Kreise gelingt, ist es durchaus denkbar, dass ganze Kirchgemeinden oder Pfarreien oder gar Bistümer als Trägerorganisationen auftreten. Gelingt ihm das, steigt gleichzeitig aber auch die Chance, dass die ideologische Ausrichtung des Marsches kippt zu Gunsten eines ganzheitlichen Ansatzes.

Kirchenoberen hat es noch nie gut getan, sich für rechte Ideologien instrumentieren zu lassen.

Marian Eleganti liess die Distanzierung 2013 vermissen, so dass lehramtstreue Katholiken, die nicht in die Evangelikalenfalle geraten wollten, dem Marsch bislang weiterhin fern blieben.

Marc Jost hat die Distanzierung im Wesentlichen geleistet und ist offenbar aufgrund seiner offenen, mitfühlenden Haltung Präsident des Berner Grossen Rates geworden.

Wieweit Bischof Morerod sich von den Rechtskonservativen wird umarmen lassen, wird man sehen. Er tritt nicht als Träger der Organisation auf, sondern lediglich als Prediger. Daran ist nichts zu kritisieren, denn Kirchenobere dürfen und sollen auch bei Organisationen auftreten, deren Ideologien sie nicht teilen. Der Bischof hielt sich bislang eher bedeckt. Es ist nicht zu erwarten, dass er sich in die rechtskonservative Ecke drängen lässt. Einiges hat er bereits getan. Er distanzierte sich, zusammen mit der SEA, von „Pegida“. Angemessen und gegen Beleidigungen hat er zur Gendertheorie reagiert, im Gegensatz zum Hurra-Genderismus der Churer Bistumsleitung. Zu fremdenfeindlichen Tendenzen im eigenen Bistum schwieg er aber bislang (Flüchtlinge Ziffer 3). Für die katholische Lehre der Kirche will er „resolut“ einstehen. Wird er damit die zweifellos auch resolut vorgetragenen Ideologien von „Marsch fürs Läbe“ aufnehmen?

20. Wirksames ökumenisches Gesamtkonzept

Die aktuellen Texte von „Marsch fürs Läbe“ sind, wie ausgeführt, immer noch ziemlich inkompatibel mit der katholischen Soziallehre. Wünschbar wäre, dass die Texte zumindest der katholischen Soziallehre nicht widersprechend formuliert würden, also echt ökumenisch wären. Zu bedauern ist daher, dass SEA und EVP ihren Beitritt zur Trägerschaft von „Marsch fürs Läbe“ nicht von einer wirklich ökumenischen Neukonzeptionierung des Events abhängig gemacht haben, frei von politischen Klassierungen. Damit hat sich die evangelikale Ausrichtung von „Marsch fürs Läbe“ massiv verstärkt. Allein wünschbar wäre indes, dass die EVP dank ihrer Mitgliederzahl Druck macht auf ein Neukonzept von „Marsch fürs Läbe“, denn die Partei ist bislang nicht durch Homophobie und Islamophobie aufgefallen.

Nach der Enzyklika „Laudato si‘“ erwartet man schliesslich, dass das „Evangelium des Lebens“ in den übergeordneten Rahmen des „Evangeliums der Schöpfung“ eingebettet wird. Familienpolitik ist zu einer ökologischen Frage geworden („Instrumentum laboris“, Ziffer 16). Wer ganzheitlich ökologisch denkt und ausserdem keine Berührungsängste mit ökologischen Netzwerken hat, die zweifellos längst nicht alle unseren Glauben teilen, arbeitet in einem praktischen Bereich des Lebens mit ihnen zusammen, schafft bei ihnen Goodwill und hilft ihnen vielleicht auch zu „wagen, von der Unversehrtheit des menschlichen Lebens zu sprechen“ (LS 224).

 

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