08.06.2013, KVP Schweiz

Von Lukas Brühwiler-Frésey

Franziskus geht voran – kath.net schraubt zurück

Im Schatten von Papst Benedikt XVI. haben sich Rigorismus, Anmassung gegenüber Andersdenkenden, Hassparolen, Polemik und eine Sprache entwickelt, die man bei Benedikt XVI. selbst nicht vorfand. Das Internetportal kath.net diente bislang als Beispiel. Eine gewisse Änderung der Strategie scheint immerhin eingetreten zu sein.

Fall gloria.tv

Die KVP hat im Januar 2013 Vorbehalte gegenüber gloria.tv angebracht. Hernach kam es zu einem handfesten Eclat. Gloria.tv-Chef Pfarrer Reto Nay aus dem Bistum Chur stellte Bischöfe, welche den Phantomentscheid von Kardinal Meisner zur Erlaubtheit der Pille nach Vergewaltigung (eine solche Pille ohne abtreibende Wirkung ist bislang nicht bekannt) begrüssten, ins nationalsozialistische Umfeld. Als die Medien und ausländische kirchliche Stellen ihrerseits Vorbehalte gegenüber gloria.tv angebracht hatten, rügte der Bischof von Chur Pfarrer Nay und wies den technischen Leiter von gloria.tv aus dem Bistum. Pfarrer Nay tauchte unter. Der Generalvikar des Bistums Chur bezeichnete Nay als hochintelligenten Menschen.

Will kath.net die Hassartikel und -Poster einschränken?

Die KVP hat verschiedentlich den Kommunikationsstil bei kath.net kritisiert. Die Kritik zeigte Wirkung. Die Forumsbeiträge auf kath.net wurden nur noch für sieben Tage einsehbar, so dass ihre nachträgliche Überprüfung nicht mehr möglich ist.

Vor der Papstwahl schloss kath.net wegen „technischer Umbauten“ das Forum. Das war nach der Auseinandersetzung im Zusammenhang mit Birgit Kelles Artikel „Dann mach doch die Bluse zu“ zum Sexismus. Schutz der Frau sei ein Scheinproblem. Ein Mann soll sich nicht überlegen müssen, ob er mit einer Kollegin noch Kaffee trinken kann. Die Frau habe es selbst in der Hand. „Wir haben die Männer in der Hand“, meinte die neue Feministin. Die Redaktion kath.net fand den Artikel grossartig, und der Sache nach gehe es um einen Missbrauch von Medienfreiheit durch das Magazin „Spiegel“. Alles Geschwätzigkeit und Tratsch im Sinne von Franziskus?

Zu einem eigentlichen Feldzug des Hasses mit hässlichsten Postings kam es – ebenfalls noch vor der Schliessung des Forums - im Zusammenhang mit dem Auftritt von Martin Lohmann in den deutschen Medien zum Thema Abtreibungspille nach Vergewaltigung, kurz vor der Demission von Papst Benedikt XVI. Wiederum viel Emotionen. „Der entscheidende Satz hat für mich bei dieser Sendung gefehlt: Die Würde der auch in einer Vergewaltigung gezeugten Menschen ist unantastbar“, bemerkte ein Poster.

Nach der Neueröffnung des Forums hat kath.net Postings abgelehnt – die Poster beklagten sich. Auch gehen die Forumsteilnehmer zurzeit miteinander pfleglicher um. Damit scheint kath.net einer in den Medien wiederholt geäusserten Kritik an seinem Kommunikationsstil Rechnung getragen zu haben. Anonym sind die Beiträge freilich geblieben. Weder die Redaktion noch die Schreibenden wollen ganze Verantwortung übernehmen. Ausgeschlossen sind Hasstexte daher weiterhin nicht. Die „hetzerische antikirchliche Brut“ muss zum Schweigen gebracht werden, kommentierte ein Poster den Vorstoss von Pro Ecclesia wegen der Berichterstattung des Schweizer Fernsehens über Bischof Huonder. Nur wenige Poster hielten bislang den Hasspredigern vor, ob sie nicht spürten, „dass sie jeden Anlass benutzten, um Hetze, Hass und Kontra zu schüren“. Sie erhielten die rote Karte. Pfarrer Rudolf Nussbaumer von Siebnen / Kanton Schwyz schrieb an Erzbischof Zollitsch: „Herr Erzbischof, Benedikt würde an ihrer Stelle zurücktreten. Vielleicht sollte sich der Erzbischof wirklich pensionieren lassen.“ Des Pfarrers Beitrag erhielt Höchstbenotung. Der vom verschwundenen Nachrichtenportal kreuz.net praktizierte Begriff der „Theolunken“ darf weiterhin straflos verwendet werden. Wer der Zensur von kath.net in die Fänge gerät, weicht auf „katholisches.info“ aus.

Nimmt man sich ein Beispiel an Franziskus?

Noch wissen manche Forumsteilnehmer nicht so recht, was sie mit dem neuen Papst anfangen sollen. Oftmals rätseln sie, was der Papst mit seinen Predigten meint, und es folgen Auseinandersetzungen über den Inhalt der päpstlichen Aussagen. Bei Benedikt XVI. war angeblich alles klar. Man war untröstlich über seinen Rücktritt. Kardinal Meisner war „regelrecht schockiert“, wie er sagte, und verstand Benedikts Entscheid erst später. Es gab „nichts zu jubeln“, „Ende einer Ära“, „unser Hirte, unser Fels, unser Anführer geht“, „es kommt nichts Besseres nach“, „was soll jetzt aus uns werden?“, „sitze hier auf Arbeit und heule wie ein kleines Kind.“ Wer mit einem „Neuanfang“ spekulierte oder das Chaos in der Kirche erwähnte, bekam es mit „Schlegl“ zu tun: „Ihr Sensus für die Wahrnehmung der Realität ist ebenso behindert wie jener der Gegenseite, die irgendwo im 19. Jahrhundert stehen geblieben ist.“, schleuderte er einem so Waghalsigen entgegen. Machen sie weiter, „aber bitte nicht in diesem Forum“.

Nach der Wahl von Franziskus wurden erstmals papstkritische Forumsbeiträge zugelassen. Wer behauptete, seit Franziskus „ganz anders auf meinen Glauben angesprochen“ zu werden, oder feststellte, „Papst Franziskus ist nicht Papst Benedikt XVI.“, kriegte die rote Karte. Die Kritik scheint aber im Abnehmen begriffen zu sein. Zwar versucht die Redaktion, das Image von Benedikt XVI. zu retten, indem behauptet wird, abgesehen von Äusserlichkeiten passe kein Blatt Papier zwischen diese beiden Päpste. Die Redaktion kath.net reduzierte den neuen Papst auf die Formel: „Der neue Papst setzt um, was sein Vorgänger theologisch vorbereitet hat.“ Warum solche Vergleiche? Dem Papalismus hat Franziskus so oder anders eine Absage erteilt. Die „Generation Benedikt“ hat ihr Idol verloren. Das schadet dem Image von Benedikt XVI. aber nicht. Alles nur Geschwätzigkeit und Tratsch?

Die Berichterstattung von kath.net ist nach wie vor einseitig. Die Stellungnahme von Franziskus gegen eine restriktive Flüchtlingspolitik beispielsweise wurde nicht publiziert (Kipa 24.05.2013).

Das konservative und das progressive Lager versuchen zurzeit, den Papst für ihre Positionen zu vereinnahmen. Es spielt indes wohl keine Rolle, ob Franziskus konservativer ist, als viele denken (wie der Bischof von Chur meint). War Jesus konservativ oder progressiv? Solches Lagerdenken gehört zur weltlichen Argumentation von Parteien, genauso wie die Diskussionen im Vorfeld der Papstwahl. Kardinal Meisner wünschte sich einen Papst nicht älter als 70 Jahre und von vitaler Gesundheit. Gekommen ist ein anderer.

Oder geht der Lagerkrieg weiter?

Papst Franziskus fordert eine neue Sprache, kommt mit neuen Softkills (weiche Faktoren in der Unternehmensführung). Er rügt die verschlossenen Gemeinden, „denn sie glauben, die Wahrheit zu verteidigen“, das gemeinhin sogenannte Glaubensgut. Er rügt die Methode von Verurteilungen, kritisiert die Christen mit steifem Kragen, Geschwätzigkeit und Tratsch, das Streben nach Wohlstand, die Steuerhinterziehung, Puritanismus, die klerikale Eitelkeit. „Papst Benedikt XVI. hätte als einstiger Theologieprofessor so nicht gepredigt“, wird Bischof Huonder im „Tages-Anzeiger“ vom 18. Mai 2013 zitiert. Die erwähnten Begriffe sind in der Tat nicht die Sprache der Konservativen. Kath.net zeigt beispielsweise Verständnis für die Steuerhinterziehung von FC-Bayern-Präsident Hoeness – die Haltung aller Rechtsparteien – und der Kath.net-Redaktor bezeichnet sich diesbezüglich als neoliberal – wiederum in Übereinstimmung mit den Rechtsparteien, aber im Gegensatz zu den Päpsten. In der Diskussion zu diesem Thema kam wiederum die Stunde der Extremisten. (Hohe) „Steuern sind Diebstahl“, meinte „Bankster“, bis einer feststellte: „Jetzt wird die Diskussion nur noch primitiv“, und dafür aber die rote Karte bekam.

Werden die Forumsteilnehmer auf die Frage angesprochen, optieren derzeit die meisten zu Gunsten der Alternative für Deutschland (AfD). Die Partei kämpft gegen den Euro und die Einwanderung – eine der katholischen Soziallehre bislang völlig fremde Richtung.

Der Chefredaktor bestreitet, dass Papst Franziskus immer wieder zum Schutz der Schöpfung aufgerufen habe.

Grünen-Chefin Claudia Roth sieht Papst Franziskus wegen seinen Solidaritätsgedanken, seiner Verantwortung gegenüber Mensch und Natur sowie seiner Flüchtlingspolitik als „Bündnispartner“. „Seine Argumente sind auch meine“. Bezüglich Glaube sei sie „auf der Suche“. Kath.net titulierte, Roth halte sich für „papstnah“. Damit warf sie dem Forum einmal mehr einen Knochen hin, um gegen die Grünen zu lästern: „Unglaubwürdig“, „vergiftetes Lob“, „Ich würde mich schämen, Frau Roth!“, Frau Roth kennt „die Ansichten des Papstes nicht“, „auf diese angebliche Nähe kann unser Papst wirklich verzichten!“,“die Verdorbenen sind der Antichrist“, Frau Roth gehört dazu; „die Grünen sind keine Gutmenschen, sie sind abstossend, verlogen und gefährlich“, eine „durchgegenderte Kampfemanze“, „Madame schwindelt“, „Heuchelei“.

Auch Verdorbene haben indes Anspruch auf Menschenrechte, Menschenwürde, Achtung und Respekt. Sie können Teile der Soziallehre der Kirche anerkennen und übernehmen, weil das nicht Glauben, sondern blosse Vernunft voraussetzt. Nach herrschender kirchlicher Doktrin können Christen allen Parteien beitreten. Davon wusste offenbar aber keiner der Anti-Grünen. Was sie an Grünen-Hetze voll von verbaler Gewalt auf dem kath.net-Forum von sich gaben, spottete letztlich jeder Beschreibung.

Kath.net behauptet, der Zürcher Regierungsrat Martin Graf habe mit seinen Äusserungen zu Priestertum, Zölibat und Ehe gleichgeschlechtlicher Paare Bischof Huonder und den Papst beschimpft. Beschimpfung wäre gemäss schweizerischer Rechtsordnung ein Delikt. Davon kann indes keine Rede sein. Der Titel stachelte aber die Forumsgemeinde zu weiteren Ausfälligkeiten an, bis hin zu „ekelhaft“. Korrekt war die Berichterstattung demgegenüber auf Radio Vatikan. In einem weiteren Beitrag spricht die Kath.net-Redaktion nur noch von „bizarrem Kulturkampf“, was bezüglich Verbot der Priesterweihe für Frauen und Ehe gleichgeschlechtlicher nicht zutrifft: Die Verbote sind durchaus eine Glaubensfrage, wohingegen der Zölibat eher eine Kulturfrage ist. 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung teilen Grafs Ansicht.

Keiner fühlt sich angesprochen

Angesprochen von der neuen Sprache des Papstes müssten beide Lager sein. Treten Kleriker nicht hüben und drüben aus ihren Büros (Papst Franziskus: „… schon eingerichtet […] – „schön eingerichtet! – mit all ihren Büros, alles in Ordnung, alles schön so, nicht? Effizient.“) vor die Fernsehkameras? Keines der Lager hatte bislang Erfolg in der Neuevangelisierung. Sogar das Lachen eines Bischofs ist ein Problem: „Harte Verkündigungen von angeblich Unabänderlichem werden mit herzhaftem Lachen untermauert, ohne dass dem Nicht-Eingeweihten immer klar wird, worüber der Bischof lacht“ („Tages-Anzeiger“ 18.05.2013 zu Bischof Huonder).

Jedes Lager interpretiert die Worte von Papst Franziskus so, dass nicht es selbst, sondern das Gegenlager damit gemeint sei. Die Konservativen, wie sie sich selbst bezeichnen, ärgern sich über jede Freude, welche die Progressiven am neuen Papst finden. Den franziskanischen Geist wollen alle schon seit je gepflegt haben – trotz ihrer hohen Saläre. Keiner glaubt, er sei einer der von Papst Franziskus abgemahnten Funktionäre unter den Priestern. In den Priestern wollen sie analog des heiligen Franziskus „die Sünde nicht sehen“ (Bischof Huonder in „Katholische Wochenzeitung“). Raymund Fobes ergänzte in „Der Fels“ freilich, dass der heilige Franziskus es gleichwohl nicht versäumen wollte, die Priester „auf ihren fehlerhaften Lebensstil hinzuweisen“. Das hat Papst Franziskus in seinen bisherigen Predigten ebenfalls bereits mehrmals getan. Er gibt laufend Antworten auf die Voten in der Weltbischofssynode 2012, welche das Chaos in der Kirche deutlich gemacht haben (vgl. KVP Ziffer 102 ff.).

Papst Franziskus geht voran, und im Hintergrund brechen offenbar Mauern ein. Die teilweise Strategieänderung bei kath.net ist ein Beispiel dafür. Erwartungsgemäss wird darüber nicht orientiert, genau so wenig wie über die Finanzierung des Portals. Die Änderungen erfolgen weitgehend unbemerkt und häppchenweise.

Weiterer Handlungsbedarf bei kath.net

Noch bleibt indes einiges zu tun, will kath.net ihrem Disclaimer mit dem Hinweis auf die Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum 45. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel und den darin genannten christlichen Stil gerecht werden. Dieser Stil „verwirklicht sich in einer Form aufrichtiger und offener, verantwortungsvoller und dem andern gegenüber respektvoller Kommunikation“. Kath.net behält sich Strafanzeigen gegen Kommentatoren vor. Ob die Redaktion das je gemacht hat, ist unbekannt. Anlass dazu hätte jedenfalls schon mehr als ein Mal bestanden.

Ganz neu wendet sich die Redaktion von kath.net gegen Lob von „Papst Benedikt auf Kosten von Papst Franziskus“. „Kath.net steht für grundsätzliche Hetze gegen Papst Franziskus und für sedisvakantistisches Gedankengut nicht zur Verfügung.“ Es scheint, „als ob sich die ehemals Kreuz.net-Leser, dann auch katholisches Dingsbums-Leser (mit „katholisches Dingsbums“ ist wohl das Nachrichtenportal „katholisches.info“ gemeint: Anm. des Autors), wieder hierher einfinden“ – „ein und dieselben Personen hinter demselben Nick“, meinte eine Posterin. „Jene Damen und Herren bemerken schnell die Nutzlosigkeit ihres Versuches“, verspricht die Redaktion, nachdem der Chefredaktor um Verständnis gebeten hat, „dass kath.net besagte Pages nicht auch mit einer Gratiswerbung betrauen wird“. Wie lange kann beispielsweise „Marienzweig“ also noch auf beiden Netzen texten? Kath.net will sachlich-argumentative Beiträge. Entschieden wird indes weiterhin nach Person und Ort, wo ein Poster auch schon publiziert hat – für ein Kampagnen-Medium freilich nichts Aussergewöhnliches.

In Klammern: Stil und Inhalt der offiziellen Artikel von katholisches.info sind jenen von kath.net mindestens ebenbürtig, und das Forum enthält kaum mehr Hetze als das Forum von kath.net.

Kath.net kontrolliert, im Gegensatz zu katholisches.info, die Postings nur „stichprobenartig“, muss indes jeden Betrag technisch zulassen. Das Niveau der Postings kann ihm daher nicht entgehen. Auch die Prälaten und Organisationen, welche kath.net unterstützen, können dies nicht ohne Kenntnis dieses Forums tun. Das Forum zeigt jenen, die kath.net beliefern, welche Klientel auf ihre Beiträge reagiert. Neuevangelisierung mit dieser Klientel dürfte schwierig werden. Kein Papst, kein Bischof argumentiert wie sie. Engagement und Anstand schliessen sich nicht aus.

Lukas Brühwiler-Frésey
Arbonerstrasse 61c
CH-8580 Amriswil

Dies war ein Autorenbeitrag, für dessen Inhalt der Autor und nicht die Partei die Verantwortung trägt. Die Partei hat ihm lediglich Platz für die Publikation auf ihrer Website eingeräumt.
 

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